Geographieunterricht gendergerecht!

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Screenshot aus dem Online-Seminar.

Geographieunterricht gendergerecht!

„Mädchen sind gut in Deutsch, Jungen gut in Mathe.“ Geschlechterstereotype bestimmen nach wie vor den Schulalltag. Doch wie wirken sich geschlechterbezogene Stereotype im Geographieunterricht aus? Stimmen sie? Müssen wir gegen diese vorgehen und warum? Was sagen empirische Studien zu Geschlechterunterschieden in der Schule und im Fach Geographie und wie hängen Gendergerechtigkeit und Geographieunterricht zusammen? Mit diesen Fragen haben wir uns im Seminar zu gendergerechtem Geographieunterricht beschäftigt.

 

Was bedeutet Gender überhaupt?

Das Konzept des doing gender besagt, dass die Geschlechtszugehörigkeit sozial gebildet wird, während das Modell des sex-gender das Geschlecht als Merkmal eines Individuums sieht, womit es geboren wird (Gildemeister 2008). Das Konzept des doing gender hilft dabei, Stereotype zu hinterfragen. Der Diskurs über Gender knüpft an die Lebenswelt der Lernenden an, da auch in der Schule bzw. im Unterricht Stereotypen vorhanden sind. Dies kann zu Fällen von Mobbing oder Ausgrenzung von Lernenden führen.

 

Worin liegen die Unterschiede genau?

Tatsächlich zeigen Schulleistungsstunden in verschiedenen Domänen z.T. große Leistungsdisparitäten zwischen den Geschlechtern. So gibt es z.B. signifikante Unterschiede in der Lesekompetenz zwischen Mädchen und Jungen zu Ungunsten der Jungen (Hussmann et al. 2017; Reiss et al. 2019). Dies ist insofern geographiedidaktisch von Interesse, als auch im Sach- und Geographieunterricht viel mit Texten gearbeitet wird. Bezüglich der Leistung im Fach Geographie zeigt die TIMS Studie signifikante Geschlechterdifferenzen zugunsten der Jungen (Schwippert et al. 2020, 245). Das Interesse am Fach Geographie insgesamt ist laut einer Studie von Hemmer & Hemmer (2010) bei allen Schüler*innen ähnlich stark ausgeprägt, allerdings unterscheiden sich Interessensschwerpunkte bezüglich konkreter Themen und Methoden. Während Jungen naturwissenschaftliche Themen und Arbeitsweisen bevorzugen, interessieren sich Mädchen mehr für soziale Themen in der Geographie. Mädchen interessieren sich eher für Naturwissenschaften, wenn diese mit künstlerischen, sprachlichen, ökologischen oder ökonomischen Anteilen verknüpft sind (Glade 2015, 216). Eine Studie zum Experimentieren im Biologieunterricht zeigt außerdem, dass bei der Aufgabenverteilung eher in traditionellen Rollen gearbeitet wird (Kokott et al. 2018). Diese Erkenntnis ist für den Sach- und Geographieunterricht, als Fach, in dem ebenfalls Experimente durchgeführt werden, von Interesse.

 

Geographieunterricht gendergerecht! Aber wie?

Die bestehenden Geschlechterdifferenzen können in die Unterrichtsplanung miteinbezogen werden, um einen geschlechtergerechten Geographieunterricht zu gewährleisten. So könnte es sich anbieten, ein für Mädchen weniger interessantes Thema mit einer für sie besonders interessanten Methode zu kombinieren. Beim Experimentieren könnten traditionelle Rollenbilder explizit aufgebrochen werden, indem die Aufgabenverteilung variiert wird. Ziel des Geographieunterrichts ist es, Schüler*innen zu einer mündigen und aktiven Partizipation für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu befähigen, ermutigen und anzuhalten. Dies bedeutet grundsätzlich eine inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit zu schaffen, in der allen jetzt und in Zukunft lebenden Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Bildungsstand, Religion oder auch sexueller Orientierung die gleichen Möglichkeiten und Ressourcen für die individuelle Lebensgestaltung garantiert werden können (Wlasak und Wlasak 2018). Diesen Maximen ist nicht erst in der Sekundarstufe, sondern auch in der Grundschule beizukommen. Die zentralste Komponente bezogen auf eine geschlechtergerechte Gestaltung des Geographieunterrichts, ist die geschulte Lehrkraft. Hierfür sollte der Erwerb von Gender-Kompetenzen in der Lehramtsausbildung verpflichtend werden (Wedl und Bartsch 2015).

 

Weiterführendes Video: Sollte man gendern?

 

Literatur

Gildemeister, Regine (2008): Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung. In: Ruth Becker (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Wiesbaden: Springer Fachmedien (Geschlecht und Gesellschaft), S. 137–145.

Hussmann, Anke; Wendt, Heike; Bos, Wilfried; Bremerich-Vos, Albert; Kasper, Daniel; Lankes, Eva-Maria et al. (Hg.) (2017): IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Waxmann Verlag. Münster, New York: Waxmann.

Kokott, Kira; Lengersdorf, Diana; Schlüter, Kirsten (2018): Gender Construction in Experiment-Based Biology Lessons. In:Education Sciences 8 (3), 1-13. DOI: 10.25595/519.

Reiss, Kristina; Weis, Mirjam; Klieme, Eckhard; Köller, Olaf (Hg.) (2019): PISA 2018: Waxmann Verlag GmbH.

Wedl, Juliette; Bartsch, Annette (Hg.) (2015): Teaching Gender? Zum reflektierten Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung. Teaching Gender? Geschlecht in der Schule und im Fachunterricht. Bielefeld: transcript (Pädagogik).

Wlasak, J.; Wlasak, P. (2018): Praktische Umsetzung von gendersensibler Bildung für nachhaltige Entwicklung im GW-Unterricht am Beispiel „Nachhaltiger Konsum“. In: GW-Unterricht 149 (1), S. 49–60.